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Oft beginnt alles am Küchentisch. Coffee & Cigarettes, eine akustische Gitarre. Manchmal passiert nichts. Und dann plötzlich sind sie da, die Ideenskizzen für diese eigentümliche Musik. Songschreiber Timo Keller geht nicht nach Schema X vor. Vielmehr lässt er sich von Alltagserlebnissen, Stimmungen und Zufällen beeinflussen. Aussergewöhnlich ist auch, wie er seine Ideen festhält: Mit der Kamera seines Computers filmt er sich selber, um später die Gesangslinien und Gitarrenakkorde rekonstruieren zu können. So entstehen dutzende, wohl hunderte Fragmente, die weiterentwickelt und verworfen werden, bis ein Song endgültig im Kasten ist.

Hanreti klingen so ungewöhnlich wie ihr Bandname. Stil-Etiketten bleiben an diesen Songs nicht lange haften. Natürlich schimmert da und dort etwas Beck, Hip Hop oder J.J. Cale durch. Aber das spielt keine Rolle. Eine derart eigenständig klingende Band hat Luzern letztmals mit Sportsguitar erlebt, und das ist auch schon eine Weile her. 

Den inneren Kern von Hanreti bildet die Zusammenarbeit zwischen Timo Keller und dem Schlagzeuger Mario Hänni. Die beiden lernten sich damals in der Jazzkantine kennen und entdeckten die gemeinsame Vorliebe für «The Meters» – eine Funk-Band aus New Orleans. Insbesondere der Sound und die Spielweise von Schlagzeuger Ziggy Modeliste hatte es ihnen angetan. Aus dieser ersten Begegnung entstanden kurze Zeit später die «sieben heiligen Schlagzeug-Tracks» (Band-Jargon), die von Hänni eingespielt und von Keller zu den ersten Hanreti-Songs weiterentwickelt wurden. 

Für das vorliegende neue Album ist die Suche nach dem perfekten Schlagzeug-Sound ebenfalls von immenser Wichtigkeit. Bei «Hippieshit» etwa sollte das Schlagzeug nach Ringo Starr klingen, also studierte Keller nächtelang Videos und Fotos der Beatles, um dem richtigen Equipment und der geeigneten Methode auf die Spur zu kommen. Entscheidend bleibt am Ende aber immer die Spieltechnik des Drummers. Und wenn dies einer hinkriegt, dann Mario Hänni. Eine seltsame Schaufelbewegung am Hi-Hat und ein paar andere Zaubereien und schon klingt es, als würde Ringo himself an den Fellen sitzen. Hännis Beats sind ungemein musikalisch und raffiniert aufgebaut. Ein gutes Beispiel dafür ist «Without A Hand To Hold». Klar sind die Gitarren passend nebulös gespielt, auch singt Keller hier erstmals wie ein richtiger Sänger. Entscheidend geprägt wird das Stück aber von Mario Hännis stupender Technik. 

Doch ein guter Schlagzeuger ist nicht viel wert ohne einen kongenialen Bassisten. Rees Coray, der Bündner-Bär, ist dafür der richtige Mann. Sein Bassspiel verleiht den Hanreti-Songs das Rückgrat, auf dem sich die anderen Bandmitglieder ausstrecken können. Coray wie auch Hänni haben die Jazzschule Luzern besucht. Beide Musiker bewegen sich blindlings und stilsicher zwischen verschiedenen Musikwelten. Zuerst nur live und nun auch auf dem Album zu hören ist der Luzerner Gitarrist Jeremy Sigrist. Seine dezent gesetzten Licks und Solos verleihen den Songs oftmals den letzten Schliff. Sigrist hat bandintern die Rolle des musikalischen Stilorakels. Trotzdem steht ausser Frage, wer hier der Chef ist. Timo Keller hat klare Vorstellungen, wie seine Band klingen soll. Obschon veritabler Multi-Instrumentalist, behauptet er von sich selber, nur etwas richtig zu beherrschen: Geschmack. Was nach Understatement klingt, hat Kalkül. Keller wählte Musiker für Hanreti aus, mit denen er seine musikalischen Visionen am besten umzusetzen glaubt. 

Die neun Songs auf «Cuetrigger» sind eine Gratwanderung zwischen Loops, trippigem Stoff und formaler Popmusik. Klassische Strophe-Bridge-Refrain-Muster werden immer wieder aufgelöst, um die Spannung zu halten. Hinter dem musikalischen Konzept von Hanreti steht viel Denkarbeit und nächtelange Soundtüftelei in Kellers Aufnahmestudio. Dennoch haben wir es nicht mit einer klassischen Working-Band zu tun. Geprobt wird nur wenn nötig, besonders intensiv während Recording-Sessions und vor Konzerten. That’s it. Umso erstaunlicher, wie ausgereift, ja schon fast abgebrüht, die Songs wirken. Die Magie dieses Quartetts gründet auf einer besonderen musikalischen Seelenverwandtschaft und äusserst solidem Handwerk. Der Rest bleibt geheim. Eine Band auf der Höhe ihrer Zeit. Und das Beste daran: Die Ideen scheinen so schnell nicht auszugehen.

Text: Urs Emmenegger, Programmleiter Neubad Luzern

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