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Ein egomanischer Selbstfindungstrip, ein mystischer Name in Pseudoesperanto, nackte und kompromisslose Musik. Hanreti ist ein Statement, ein Experiment, eine Momentaufnahme im Schaffen von einzigartigen Musikern aus der Schweiz, das in keine Schublade passt, weil es nicht passen will. Lieder, getragen vom hinkenden und hüpfenden Herzschlag eines Verliebten oder Selbstmörders, kryptische Texte in prophetischem Wahnsinn vorgetragen. Dabei sanft bei aller Brutalität, durchdacht in ihrer Rauhheit, vollendet in ihrer Skizzenhaftigkeit. Hanreti ist ein schwer verständliches Phänomen, das höchstens begreift, wer die Band als postmodernes Kunstwerk betrachtet. Als ein Kondensat von bereits gesagtem, als Konglomerat von Zitaten, als Dichtung im wörtlichsten Sinn, bei der der Kopf des Zuhörers zum Prisma wird, das das klare Licht der Lieder bricht und wieder Grundfarben zutage bringt und Gründe, Kunst zu produzieren, über die Welt nachzudenken und zu singen. 

Doch wer will das schon begreifen. Eine rein intellektuelle Herangehensweise führt nicht weiter bei einer Band, die zuallererst intuitiv arbeitet, deren Musik bloss bewegen und berühren soll. Und die intuitiv versteht und liebt, wer Herz und Ohren hat. Hanreti begann als Skizzensammlung des Sängers und Multiinstrumentalisten Timo Keller, der zuvor bloss für Hip Hop-Musiker und die Schublade geschrieben hatte. Bis der Drang oder Zwang entstand, selber nach vorne zu treten, den geliebten Samplinggedanken weiterverfolgen zu können ohne den Konventionen des Hip Hop, eigentlich ohne irgendwelchen Konventionen genügen zu müssen. Hanretis Herz und Hirn und Hauptsongwriter bleibt ein Soundtüftler, der mit offenen Ohren durch die Welt streunt und dabei schwammartig Musik sammelt, von Folk bis Funk, von Soul bis Jazz, von Indierock bis Hip Hop. Und der sich von Zeit zu Zeit zwingt, sich selbst auszuwringen. Dabei entsteht dieses Kondensat oder Dreckwasser, das die Genres vereint und überflüssig macht. Früh schon hat Keller zur Unterstützung Drummer Mario Hänni an Bord geholt, der präzise eiert und shuffled wie kein zweiter und mit Witz und unglaublichem Musikverständnis Hip Hop- und Afrobeats dekonstruiert, rekontextualisiert und reduziert. Dabei bringt er eine unvergleichliche Bühnenpräsenz und -erfahrung mit, die er in - wie manchmal scheint - jeder zweiten Schweizer Band gesammelt hat. Geerdet werden die Experimentatoren durch den Bassisten Res Coray, der sich scheppernd abarbeitet und ackert und die eigenwilligen Beats durch seine Geradheit erst perfektioniert. Und vollendet wird das Quartett durch den Gitarristen Jeremy Sigrist, dessen musikalische Finesse die Songs schon im Studio fertig- oder ausmacht. Der stilsicher und reduziert die letzten Lücken eines Hanreti-Songs füllt, die Lieder erst zu Klangmauern macht. 

Eine erste Platte, Alt F, versetzte die Szene in Staunen, die Plattentaufe im Luzerner Neubad sorgte für Aufsehen, der Gewinn des Kick Ass-Awards von Radio 3fach und unzählige atmosphärisch unvergleichbare Shows pushten den Bekanntheitsgrad der Band über die Landesgrenzen hinaus. Und jetzt? Jetzt folgt Cuetrigger, die zweite. Ein Auslöser und Anker, weiter ist alles im Wandel, wieder wird alles anders, alles bleibt neu. Und Hanreti bleibt Hanreti, unberechenbar und unkonventionell, eine Band voller Liebe und Tiefe und Irrsinn, deren Entwicklung man in Echtzeit mitverfolgen kann. 

Text: Béla Rothenbühler

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